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Indien: Ankunft in Mumbai

Zwei Zwischenstopps sind von Nosy Be nach Mumbai eingeplant. Wir landen auf den Komoren, gleich neben Madagaskar, bleiben aber einfach sitzen und warten eine Stunde. In Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, haben wir einen längeren Aufenthalt. Wir probieren äthiopischen Kaffee, laufen alle duty free shops ab und trinken lokales Bier. Eine Biermarke mehr abgehackt. 

Um 6 Uhr Vormittags kommen wir in Mumbai an. Wieder der übliche Ablauf. Erstmal Gepäck aufsammeln, dann Geld holen, Taxi und Bett. Schritt Eins ist jedoch schon relativ kompliziert. Man kommt gleich auf vier Wechselläden zu, die alle eigentlich recht solide aussehen. Die Mitarbeiter winken einen energisch zu sich her, aber wir wissen, dass man in Indien niemandem vertrauen sollte und suchen nach einem ATM. Beide innerhalb des Flughafens funktionieren nicht. Ein hilfsbereiter Amerikaner erklärt uns, dass wir aus dem Flughafen raus müssen, der Wache Bescheid geben, dass wir nur Geld holen, und da den nächsten Geldautomaten benutzen müssen. Einer von uns passt auf’s Gepäck auf. Die Sicherheitsvorkehrungen scheinen ernst zu sein in Indien, die Wache am Flughafen sitzt mit einem Gewehr vor der Tür und auch im Inneren sind mehrere Soldaten mit Waffen unterwegs. Ein Paar Minuten später haben wir auch schon die ersten indischen Rupees in der Tasche. Später erfahren wir von zwei deutschen Frauen, dass sie 20 € Wechselgebühr bei den exchange shops gezahlt haben, unser komplizierter Ausflug lohnt sich wenigstens. Als Nächstes brauchen wir ein Taxi, auch hier wird man natürlich gerne abgezogen. Julian weiß, dass das „Prepaid Taxi“ vertrauenswürdig sein sollte. Wir sehen auch dass bei den Ständen daneben niemand ansteht und bei Prepaid Taxi alle – nur Einheimische. Als wir uns mit in die Schlange stehen, nehmen die Verkäufer im Stand daneben gleich das Telefon und rufen irgendwen aufgeregt an. Ein Inder im weißen Hemd geht geschäftig an uns vorbei in den Stand und sagt mit Blick auf uns. „Come here, same, same. No queue.“ Er spricht nur zu uns, nicht zu den anderen Einheimischen. Wir bleiben stehen. Denken die alle Touristen sind dämlich ? Der Verkäufer am Stand schickt uns alle ein Stockwerk nach unten weiter, auch dort müssen wir uns wieder anstellen. Hier merkt man schon, dass Inder gerne und ohne Scham vordrängeln. Wenn man nicht direkt vor dem Typen steht mit Geld in der Hand oder mal eine Sekunde überlegt ist schon der Nächste da und wird auch abgearbeitet. Es gibt außerdem meistens mehr als eine Schlange. Der Service ist auch kompliziert. Man bekommt eine Quittung mit Kennzeichen drauf und muss nach dem Taxi suchen. Also.. erstmal muss man rausfinden dass irgendwo auf der Quittung Ziffern draufstehen, die in Indien Autokennzeichen darstellen und dann muss man das Auto mit dem Kennzeichen suchen. Mit ein wenig Hilfe finden wir unseren Fahrer, wecken ihn auf und fahren zum Hostel. Wir schlafen erstmal in unserem Dorm, beinahe drei Stunden haben wir gebraucht von Flughafen bis zur Unterkunft.

Anscheinend sind wir in einer der besten Gegenden von Mumbai – Colaba. Die Straßen sind voller englischer Kolonialhäuser, direkt neben Mangrovenbäumen und Palmen, so als würde man sich eine Mischung aus Großstadt und Dschungel vorstellen. Eine Sehenswürdigkeit von Mumbai ist in Gehdistanz: Der Gateway of India. Ein großes Tor direkt am Meer. Es beeindruckt uns aber nicht allzu lange. Das Taj Hotel gegenüber ist ein um einiges schöneres Gebäude. Abgesehen davon sind eher wir die Hauptattraktion hier. Jeder macht um die zehn Selfies mit Indern. Außer uns sind keine Weißen und vor allem niemand mit blonden Haaren irgendwo auf dem Platz. „Please take picture with my wife“ … Ähm, okay. Schon ein bisschen schräg. Man kann sich nicht zu lange an einem Ort aufhalten, sonst kommen immer mehr Leute und wollen Fotos mit uns, wir marschieren also eher zügig um das Tor herum und gehen zurück zum Hostel. Unsere Typen an der Rezeption sind wiedermal sehr hilfreich, dank Ihnen finden wir das Food Plaza – unser Restaurant für den gesamten Aufenthalt in Mumbai. Wir wagen uns gleich ans indische Essen. Sau gut und sehr günstig. Von der Schärfe eigentlich auch okay, eher indisch würzig. 

Victoria Station

Am nächsten Tag versuchen wir uns um unsere Weiterfahrt nach Udaipur zu kümmern, denn wir haben mitbekommen, dass wir sehr spät dran sind und man Züge viel eher buchen muss. Es wird uns genau erklärt wo wir hin müssen, für Touristen gibt es reservierte Tickets an einem speziellen Schalter. Man hört oft Geschichten von falschen Schaltern und Tickets am Bahnhof. Trotz unserer Infos, müssen wir eine Zeit lang suchen an der Victoria Station bis wir die richtigen Schalter finden. Als wir auf das Gebäude zugehen rennt uns schon ein älterer Mann in weißem Gewand hinterher und überholt uns. „Yes, Sir.. just here. First floor, counter 13.“ Wir wissen aber, dass wir einfach ins Erdgeschoss müssen und der vierte Schalter der Richtige ist. Netter Versuch. Nach langer Wartezeit vor dem Schalter finden wir heraus, dass kein Ticket mehr da ist. Aber einen Tag davor gibt es noch ein anderes Kontingent an Tickets das nur für Touristen gedacht ist, wir sollen am nächsten Tag um 9:30 Uhr da sein. Es war aber nicht alles umsonst, wir machen Fotos vor der Victoria Station (und Selfies mit Indern), sehen uns ein bisschen die Gegend an und die lokalen Märkte. Es gibt viele kleine Handy Repair Shops, hier sieht man die Techniker- und Geek-Seite der Inder. Kleine Werkbänke mit Lötkolben und hunderte halb-vollständige Handys die gestapelt in Regalen liegen. 

Wieder in unserem Hostel besorgen wir uns für 10 Euro ein Sim-Karte für die nächsten 28 Tage. Dafür bekommt man 1,4 Gb Daten PRO TAG, Telefon- und SMS-Flat. Wahnsinnig billig. Ein paar Bekanntschaften machen wir auch wieder. Wir lernen Rafael kennen, ein Belgier, ungefähr um die 40, der sehr gerne und viel redet. Außerdem Joey aus Großbritannien und Corinne aus Frankreich, beide eher in unserem Alter. Wir spielen UNO miteinander, trinken ein paar mal Bier und reden über alles Mögliche was man hier so machen kann. Joey erzählt uns von dem Buch Shantaram. Dabei geht es um einen Kriminellen aus Australien, der in Mumbai lebt. Ein bekannter Schauplatz des Buches ist nicht weit von uns, das Leopold Cafe. Mit Corinne schauen wir da vorbei und trinken jeder ein zu teures Bier. Wieder ein Touri Ort, aber die Wandbemalung sieht cool aus. Wahrscheinlich hätten wir mehr Bezug zu dem Ort, wenn irgendjemand von uns das Buch gelesen hätte.

Nächster Morgen. 9:30 Uhr. Victoria Station. Wieder am Schalter müssen wir erst bis 10 Uhr warten, aber dann geht’s los. Sofort ist ein Taschenrechner vor unserem Gesicht. „Is this price okay for your, Sir ?“ Der gleiche Preis wie gestern angekündigt, ca. 20€ nach Udaipur in der Klasse AC3 um halb 12 Mitternacht am nächsten Tag. Wir waren uns aber nicht mal sicher, ob sie überhaupt den richtigen Ankunftsort von uns weiß. „SIR, you have to say yes or no, NOW.“ Ab Punkt 10 Uhr können die reservierten Tickets von mehreren Schaltern aus gebucht werden, deswegen muss es so schnell gehen, es gibt nur wenige Tickets. „Yes, okay okay.“ Also buchen wir unseren ersten Sleeper Train. Das billigste ist die Sleeper Klasse, Holzklasse praktisch. Dann geht es von AC3 bis AC1 aufwärts. In der Sleeper Klasse gibts nur einen Ventilator, bei allen Anderen Klimaanlage.

Später treffen wir auf Corinne und gehen mit ihr zum Marine Drive den Sonnenuntergang ansehen. Danach wollen wir auch mal das Nachtleben in Mumbai sehen und fahren zum Kamla Mills Compound, eine Ansammlung von mehreren Bars und Discos nebeneinander. Allerdings ist alles recht teuer, im Vergleich zum restlichen Indien, und um halb 2 ist Schluss, wegen Election Day oder sowas. Wir fahren noch weiter zu einer anderen Disco, aber auch die hat schon zu. Ein paar leicht betrunkene Inder sind genauso enttäuscht deswegen wie wir. Wir schließen uns ihnen an und fahren zu dem scheinbar besten Rolls (ähnlich Kebab mit indischer Füllung) place in Mumbai. Es ist irre. Um 3 Uhr morgens rennen Personal und Gäste von zwei Straßenständen mit Kohlengrills hin und her, essen oder tragen Essen irgendwo anders hin. Die Leute kommen mit Autos oder Roller an und nehmen sich noch was mit. Unsere neuen Freunde sind sehr freundlich zu uns, sie laden uns ein und zahlen auch für’s Taxi. Danach gehen wir aber doch heim, statt noch was bei ihnen zu trinken, wir wollen am nächsten Tag bei der Walking Tour vom Hostel um 9:30 Uhr dabei sein.

Mehrere neue Gäste sind bei der Tour dabei. Es sind wir beide, Corinne, eine Estin, ein Pärchen aus Köln, zwei Österreicherinnen und ein Amerikaner aus Seattle. Wir marschieren los und sehen uns zuerst eine katholische Kirche an. Das erste Mal, dass wir eine Kirche komplett ausgestattet mit Ventilatoren sehen, aber ansonsten sieht es eben aus wie eine Kirche. Der nächste Anhaltspunkt ist die Victoria Station. Kennen wir auch schon.

Danach fahren wir mit dem Zug Richtung Slums. Das Zugfahren ist eigentlich nicht so schlimm, wie man es sich vorstellt. Es ist nicht sehr überfüllt als wir fahren. Man muss sich lediglich ein wenig beeilen beim Ein- und Aussteigen. Der Letzte in unserer Gruppe muss sich oft in einen fahrenden Zug reinziehen oder aus einem rausspringen, obwohl unser Guide schon aufpasst und immer den Abschluss der Gruppe bildet. Ihn stört das natürlich nicht. Während der Fahrt kommt eine Gruppe Bettler in unser Abteil und stimmen einen eigenartigen Gesang an. Zwei davon sind blind, einem fehlen beide Arme. Sie gehen durch’s Abteil und steigen bei der nächsten Station wieder aus. Anscheinend soll die Mafia dahinter stecken, erfahren wir später. Schon als Kinder werden Zugehörige der untersten Kaste mit Kobragift erblindet. Sie bringen selbst mit nur 100 Rs pro Tag mehr ein als sie sonst je verdienen könnten. Die Mafia sammelt den Profit (Filmreferenz:„Slumdog Millionaire“). Die Slums selbst sind nicht so schlimm, wie wir sie uns vorstellen. Der Unterschied liegt darin, dass die Leute einen Job haben, denken wir. Sie sammeln Plastik und sortieren es farblich. Dann wird es mit einer Maschine jeweils zu kleinen Splittern zerkleinert und gereinigt. Sie haben praktisch ihre eigene Recycling-Industrie. Die Splitter werden von größeren Plastikverwertern wieder abgekauft. Benutzte Seifen aus Hotels werden geschmolzen und neu angefertigt, mengenweise abgepackt in Papier.

Plastikrecycling von Flugzeugbesteck

Der beste Teil der Slums ist eine sehr enge Gasse, durch die wir gehen. Es ist gerade Platz für eine Person. Links und rechts wohnen die Einheimischen, man geht vorbei und sieht die Leute beim Essen, Duschen, Alles Mögliche. Die Kinder begrüßen jeden von uns mit einem langen „Hiiiiii“. Auch wenn man nach oben sieht, steht dort jemand auf einer Leiter, der Aufgang zu seinem Haus, und wartet bis man vorbei ist. In dem Slum in dem wir sind, wurden anscheinend mehrere Szenen des Films „Slumdog Millionaire“ gefilmt. Eine Szene mit spielenden Kindern in einer engen Gasse wurde genau hier gedreht. Auf größeren Plätzen spielen die Kinder Cricket, die beliebeste Sportart in Indien. Es werden Chillis getrocknet und die leckeren Papadum. Krosse, indische, chips-ähnliche Vorspeise, manchmal mit Kümmel. Wir setzen uns in ein kleines Zuhause, wo wir gerade so reinpassen, und lassen uns bekochen, schmeckt super, ist aber viel zu viel. Die indische Art zu essen ist ohne Besteck, mit der rechten Hand. Bei Nan-Brote, praktisch wie Weizenfladen, noch ganz okay. Einfach in die Soße dippen. Bei Reis mit indisch-würziger Soße und Gemüse sind wir raus. Die Meisten von uns essen mit Löffel. Laut den Indern soll das Essen dann besser schmecken, man benutzt noch einen Sinn mehr dafür. Weil man es ja praktisch berührt. Ganz ehrlich: Wir gewöhnen es uns nicht an, und probieren es nur kurz.

Während wir durch die Slums gehen unterhalten wir uns auch mit dem deutschen Pärchen, Robert und Dominica, sie sind beide etwas älter als wir – um die 35. Auf den Straßen mischen sich Roller, Fußgänger und Kühe zusammen mit Autos von jeder Richtung kommend, oft egal auf welcher Straßenseite. Trotzdem sehen wir kaum Unfälle oder Ähnliches. Darüber sind willkürlich Stromleitungen verlegt, abertausende an Kabel. Robert meint, dabei sieht man schon, dass man in Deutschland oder allgemein in Europa mittlerweile in einer Überregulierung lebt. „Hier funktioniert ja auch alles irgendwie. Denk nur mal, durch was für einen Prozess man bei uns durch muss, wenn man Jemandem leicht ans Auto anfährt, schrecklich.“

Unser letzter Stopp ist die größte Handwäscherei der Welt, oder zumindest die mit den meisten Mitarbeitern. Die Wäscherei hat es damit sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft. Beinahe 500 Leute arbeiten dort. Der ganze Bereich ist voller Wäsche, die in der Sonne trocknet.

Am nächsten Bahnhof sehen wir eine Gruppe Inder, die alle eine ähnliche Uniform tragen. Jeder trägt eine weiße, eckige Mütze und hat unterschiedlich viele abgepackte Stofftaschen dabei, die so miteinander verknotet sind, dass sie praktisch transportiert werden können. Es handelt sich so ungefähr um die Urform von Delivero oder Lieferando, es sind Essenslieferanten. Mehrere Millionen Essen werden täglich auf diese Art in Indien ausgeliefert. Und das ganz ohne elektronisches System. Nicht einmal eine Lieferung von einer Millionen wird verwechselt oder vergessen. Nicht schlecht. Danach fahren wir wieder zurück an eine nahegelegene Station, geben unserem Guide Trinkgeld und gehen den restlichen Weg zu Fuß.

Wir kaufen ein paar Bier und setzen uns auf die Dachterrasse. Es hat zwar auch Abends noch um die 36 Grad, aber es geht immer ein kühler Wind. Corinne verabschiedet sich, sie fährt nach Goa weiter. Ungefähr jeder fährt nach oder kommt von Goa. Wir hören es schon tausend Mal und sind uns manchmal unsicher, ob wir uns nicht falsch entschieden haben und etwas verpassen. Später ist noch ein indisches Stand-up Comedy Programm im Hostel geplant, wir sehen es uns kurz vor unserer Abfahrt an, verabschieden uns dann und brechen auf Richtung Bahnhof. Es warten zwölf Stunden Zugfahrt nach Udaipur auf uns. Wir teilen uns unser Abteil mit einer netten indischen Familie – Mutter, Vater und zwei Jungs, Zwillinge. Sie erklären uns wie alles abläuft. Jedes Abteil hat sechs Betten, das mittlere Bett ist Anfangs hochgeklappt, damit man normal sitzen kann. Die Mutter bietet uns die oberen beiden Betten an. „So you don’t have to wake up when someone else wants to sit.“ Wir nehmen das Angebot gerne an. Gott sei Dank. Am nächsten Morgen ist ein halbes Kinderparadies unter uns. Die Fahrt war aber angenehm, man kann gut schlafen und die Klimaanlage macht was sie soll. Wir verabschieden uns von der Familie und gehen raus in die Hitze. 42 Grad hat es in Udaipur um Mittag.

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